Nationalkonservative Wende – Das Buch der Woche: „The Idea of Europe“

Als Vortrag anlässlich der zehnjährigen Jubiläumsveranstaltung des Nexus Instituts im Jahr 2003 in Rotterdam gehalten, liegt der Essay George Steiners, 2015 im Overlook Verlag erschienen, samt einer Einführung von Rob Riemen in weißem Einband vor. Dreh- und Angelpunkt des Werks ist die Frage nach dem Kern, der treibenden Kraft der europäischen Zivilisation und ihres möglichen Untergangs.

Woran lässt sich die Essenz einer zweieinhalbtausendjährigen Kultur festmachen? George Steiner destilliert mit all seiner Feinfühligkeit fünf zentrale Axiome des westlichen Abendlandes heraus, an denen sich die entscheidenden Charakterzüge Europas begreifen lassen. Den Beginn macht das Kaffeehaus, der Treffpunkt von Dichtern und Denkern, Rückzugsort des Bürgertums in aller Öffentlichkeit und überhaupt zentrale Institution und Ort alltäglicher Begebenheiten. Das Kaffeehaus ist Kulturgut, es ist der Marktplatz von Ideen und Meinungen, ein exklusiver Ort der dennoch zum Preis eines Getränks jedermann zugänglich ist. Hier koexistieren sowohl in sich gekehrte Einsamkeit als auch ausgelassene Geselligkeit. Für jeden manierlichen Besucher ist Platz – entweder zum Streiten oder zum Insichkehren.
Sodann betritt Steiner mit uns eine Landschaft, der wie er sagt, genuin humane Züge hat. Von Sizilien bis zum Nordkap, von der bretonischen Küste bis St. Petersburg tut sich ein Land auf, das von Menschen geformt und gestaltet, urbargemacht und besiedelt wurde. Kaum eine Tagesreise auf Schusters Rappen auseinander, gelangt der Reisende von Stadt zu Stadt. Ob er als Pilger oder im Tross einer Armee seines Weges zieht, die Bewohner Europas haben im wahrsten Sinne des Wortes eine lange Geschichte durchlaufen. Damit verbunden ist eine innige Verbundenheit mit der Landschaft, den Regionen und all ihren Facetten, die nicht zuletzt zusammen ein Mosaik an Volksstämmen und Völkern bilden. Die Antidote hierzu setzen freilich die Weiten der amerikanischen Prärie , der afrikanischen Wüste oder asiatischen Steppe. Hier ist der Mensch bald nur Beiwohnender im Spiel der Natur. Die langen Straßen und dünnen Siedlungen vermögen diesen Blick nicht zu trüben. In Europa ist der Mensch je Gestalter gewesen, wie das Land als allgegenwärtiges Zeugnis ablegt.

Sodann betreten wir als drittes mit dem Autor die europäische Stadt. Viele sind zu Metropolen angeschwollen und ähneln in einförmiger Monotie in Aussehen zusehend ihren überseeischen Pendants. Doch auf jeder Straße, jedem Platz und Gebäude lastet wortwörtlich Ge-schichte – die materiellen Zeugnisse jahrhundertelanger Ereignisse und Entwicklungen auf denen sie gründen. Mit Leben erfüllt sind die alten Kulissen aufgrund ihrer Namen – die Goethealleen, Schillerstraßen und Lutherplätze. Sie haben nicht wie in Amerika Trivialnamen oder einfache Nummern. Steiner weist auf die kleinen Schilder hin, die nicht nur den Weg zeigen und räumliche Orientierung schaffen, sondern dem umher wandelnden Zeitgenossen auch die historische Aufgeladenheit des Raumes in Erinnerung rufen. „Goethes Garten liegt nur wenige hundert Meter von Buchenwald entfernt.“, konstatiert jener, der selbst als in Wien geborener und in Paris aufgewachsener, im zweiten Weltkrieg nach Amerika floh. Die materielle Welt, durch die uns dieser Philosoph führt, entspricht eine Geistige, die einer doppelten Abstammung des antiken Athens und hebräischen Jerusalems entspringt. Die Beziehung griechischer Philosophie, Politik und Logik und jüdischer Theologie war seit ihrem Verschmelzen im Christentum ebenso von Einträchtigkeit, wie von Konflikten geprägt. Diese Synthese brachte das grundsätzlich dualistische Weltbild Europas hervor – der Versuch zu streben, zu hinterfragen und zu hadern – auf moralischer, intellektueller und existenzieller Ebene – all das ist fundamentaler Bestandteil des Europäischen. Mehr noch, viele unserer Begriffe und Ideale, unserer Gesellschaftlicher Institutionen, wie Wissenschaft, Literatur oder Architektur ruhen auf den Pfeilern der attischen Polis. Das christliche Menschheitsbild im Hadern mit dem Transzendenten um das Leben und die Gebote als Gesetz zur Regelung dessen. Ebenso die heilige Schrift als höchste Offenbarung und das Streben nach Sinn und Wahrheit haben ihren Ursprung in der einzigartigen Israelitischen Tradition. Sowohl das Christentum, als auch die sozialistischen Utopien der Neuzeit identifiziert Steiner als Auswüchse des Judentums. Der europäische Humanismus sei somit als untrennbarer Kompromiss hellenistischer und hebräischer Ideale aufzufassen.

Als fünftes und zuletzt steht die europäische Gewissheit und Furcht vor dem Ende der Zivilisation selbst. Ein tragisches Erlischen als Überbleibsel christlicher Weltuntergangsphantasien setzt einen intuitiven Rahmen für die historische Finalität und Begrenztheit selbst auf dem Höhepunkt einer Kultur, die sich in immer größerem Wohlstand in höhere Ziele und Komplexitäten verstrickt. Egal ob es sich um den Klimawandel oder die Weltwirtschaft handelt, hierzu fragt Steiner stellvertretend: „Welches Recht haben Wir zu überleben, bei unserer selbstmörderischen Unmenschlichkeit?“ Das Streben nach dem Absoluten, Endgültigen und seiner Rechtfertigung, auch dies liegt dem Europäischen Geist zugrunde.

Nun stellt sich die Frage nach der Essenz und deren Konsequenz. Ein zivilisatorisches Gebilde zu beschreiben, was sich praktisch per definitionem aus Kleinstbestandteilen zusammensetzt, gar eine Zukunftsperspektive zu umreißen, kann auch Steiner nur mit aller Demut und Vorsicht. Vieles von dem, was er beschreibt, entzieht sich schon seit geraumer Zeit immer mehr der Zugänglichkeit und Verständnis nachgefolgter Generationen. Doch die selbe Frage stellt sich in Europa mindestens seit dem Ende des Ersten Weltkriegs genauso wie heute. Er bedeutet die Wichtigkeit des Anspruchs intellektueller Souveränität und Ingenuität auf die gesellschaftliche Entwicklung, ohne direkten politischen Einfluss ausüben zu wollen. Obwohl zeitweise eine Kritik des anglo-amerikanischen Managerismus und Kapitalistischen Leistungsdruck mitschwingt, ist eine Aristokratie des Geistes basierend auf Verdienst und Fähigkeit tragend für die Existenz des besonders eigenen Genies Europas. Steiner identifiziert im Streben zu Höherem die Basis zur Schaffung eines neuen Ideals, einer neuen Idee, die als Weiterentwicklung an alte Traditionen anknüpft. Eine einzige Rückkehr zu Vorherigem gilt als ausgeschlossen. Diese Idee – Ortega y Gasset sprach von der Glaubensgewissheit – ist die fundamentale Notwendigkeit, um dem Nihilismus, der Erschlaffung und der Orientierungslosigkeit zu entfliehen, die die europäische Zivilisation befiel, als Sie ihre eigenen höchsten Ideale der Vernunft und Philosophie hinterfragte. Die Unternehmung, Europa zu Institutionalisieren und das Projekt der europäischen Integration als Maß aller Dinge und Zweck in sich selbst emporzuheben, beäugt Steiner äußerst kritisch. Er sieht bereits 2003, im Zenit der Europäischen Einigungsbestrebungen, kurz nach der Einführung des Euro, die Spannungen zwischen den zusammen gepferchten Ländern und die entzweienden Tendenzen, die uns offen seit 2010 verfolgen – ob in Gestalt der „Griechenlandkriese“ um den Euro, die sogenannte Flüchtlingskrise, die Abschottung gegenüber Russland oder die seit dem Brexit und mit der Wahl Donald Trumps drohende Abwendung der bislang bestimmenden amerikanisch-atlantischen Vormacht. Gerade Deutschland droht zu diesem Zeitpunkt mit seinem politischen Humanisieren ohne Verbündete und reichlich unbeliebt an der Spitze der Union zustehen. Ob die Länder Europas in diesem Wahljahr den Angloamerikanischen Reformbewegungen folgen oder weiter verharren und sich dem Niedergang zu fügen oder eigene Weg einzuschlagen, wie es Steiner befürwortet, wird sich zeigen. Dass es mehr als nur ein paar Wahlen benötigen wird, dass eine neue Idee Europas erst in höchster Not und Krise unter großen Entbehrungen erfolgen könnte, ist im Bereich des historisch Möglichen. Das Vakuum der derzeitigen Ideenlosigkeit, die sich in handlungsunfähigen und -unwilligen bürokratischen Strukturen und etablierten Politikerzirkeln besonders Brüssel, aber auch Berlins zeigt, wird durch ein „Immersoweiter“ und ein „Noch mehr“ nicht gefüllt werden können. Die vielbeschworene Furcht vor der Bedeutungslosigkeit des alten Kontinents und im besonderen des moralischen Geltungsdrangs seiner Führungsriege darf nicht davon ablenken, dass es eine neue Idee Europas braucht, die einen Sinn für und Stolz auf die eigene Identität begründet, von der aus die Völker Europas zu dem ihnen ureigenen Streben nach Wahrheit und Bedeutung in der eigenen Existenz und Gemeinschaft aufbrechen können. Als Anreiz sei daher George Steiners stilistisch hervorragendes „The Idea of Europe“ jedem Leser ans Herz gelegt, der Orientierung und Bereicherung für seinen eigenen Lebensweg im Geschick der Gegenwart für ein neues Europa sucht.

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